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Robert Mittelstaedt


Der europäische Mensch hat nicht vermocht, ethischen
Forderungen nachzugeben. Er ist an der Lehre vom
Zweck, Zweckmässigen und Nützlichen gescheitert.
Sein Ich ist in ein Missverhältnis zum All geraten.
Hans Henny Jahnn (1)



Rationalismus
Die Rationalität scheint einem zunehmenden Gegentrend ausgesetzt zu sein, der in Europa freilich schwächer sein mag als in Nordamerika, aber auch hier artikuliert er sich vorwiegend auf der Linken. Das Wort "Anti-Rationalität" scheint anzudeuten, dass mit der Rationalität etwas nicht in Ordnung ist, und dass sie durch etwas anderes ersetzt werden sollte. Aber der Begriff deutet nur Widerspruch an, ohne eine ausdrückliche Alternative anzubieten.

Etymologisch leitet sich "rational" vom Lateinischen rationalis ab - "zur Vernunft, zur Rechnung, Berechnung gehörig", von ratio - "Berechnung, Verhältnis, Überlegung, Erwägung", von ratus - "berechnet, beurteilt, entschieden, gültig" oder reri - "urteilen". Ausgehend von dieser Grundbedeutung könnten wir sagen, dass sich Rationalität auf einen zweiten Gedanken bezieht, d.h. sie bezieht sich nicht auf einen unmittelbaren Gedanken wie er gerade so in den Sinn kommt. An dieser Stelle mag es sinnvoll sein, sich der Beobachtung von Marshall McLuhan in "Understanding Media" zu erinnern:

Das Beispiel des elektrischen Lichts wird sich in diesem Zusammenhang vielleicht als aufschlussreich erweisen. Elektrisches Licht ist reine Information. Es ist gewissermassen ein Medium ohne Botschaft, wenn es nicht gerade dazu verwendet wird, einen Werbetext Buchstabe um Buchstabe auszustrahlen. Diese für alle Medien charakteristische Tatsache bedeutet, dass der "Inhalt" jedes Mediums immer ein anderes Medium ist. Der Inhalt der Schrift ist Sprache, genauso wie das geschriebene Wort Inhalt des Buchdrucks ist und der Druck wieder Inhalt des Telegrafen ist. Auf die Frage: "Was ist der Inhalt der Sprache?" muss man sagen: "Es ist ein unmittelbarer Denkvorgang, der an sich nicht verbal ist." Ein abstraktes Bild stellt eine direkte Äusserung von schöpferischen Denkvorgängen dar, wie sie etwa in Mustern von Elektronenrechnern erscheinen mögen. (2)

Ein ursprünglicher Gedanke oder ein non-verbaler Denkvorgang könnte aus einer Ahnung, einer Eingebung, einem Gefühl, einer Phantasie oder ähnlichem bestehen. Aber erst wenn der ursprüngliche Gedanke mithilfe der Logik und der Anwendung entsprechender Schlussfolgerungen überprüft und durch gegebene Tatsachen bestätigt wird, stimmt er mit der Rationalität überein. Rationales Denken muss daher erlernt und geübt werden - es muss kultiviert werden - und wird so zu verschiedenen Graden der Subtilität verfeinert.

Historisch gesehen war der erste rationale Denker des Westens Aristoteles. Vor ihm hatte schon Platon grundlegende Regeln der Schlussfolgerung in dichterischen Dialogen angewandt, während sein Schüler Aristoteles eine abstraktere und reduktionistische Form des Denkens entwickelte. Er kann als der Vater der wissenschaftlichen Vorgehensweise des Westens bezeichnet werden. Sokrates, Platon und Aristoteles waren die ersten Exponenten eines radikalen, kulturellen Wandels nach der Erfindung des phonetischen Alphabets. Die Auswirkungen der Schrift waren jedoch begrenzt und beschränkten sich auf eine privilegierte Klasse. Etwa 2000 Jahre später ereignete sich ein weiterer radikaler Wandel nachdem Gutenberg 1450 die beweglichen Lettern und den Buchdruck erfunden hatte. Die Humanisten reagierten damals begeistert auf die neue Erfindung und glaubten, dass ein goldenes Zeitalter anbrechen würde, da nun wichtige Schriften wie die Bibel und andere einer grösseren Leserschaft zugänglich würden. Statt dessen verdüsterte sich das Spätmittelalter. Die Moderne Zeit beendete diese Periode und es gab einen neuen Aufbruch. Nach einer langen Zeit der Wirrnisse und des Leidens, fühlte sich René Descartes, ein Exponent des Zeitalters des Rationalismus gedrängt, alles überlieferte Wissen in Frage zu stellen und eine grundlegende, verlässliche Wahrheit zu finden, auf der er aufbauen könne. Er fand sie in seinem cogito ergo sum ("Ich denke, also bin ich") und postulierte zwei getrennte Bereiche - die res extensa (Materie) und die res cogitans (Verstand, Denken) - die gewissermassen beziehungslos nebeneinander existierten. Das Zeitalter des Rationalismus betonte analytisches, lineares, kausales und mechanistisches Denken.

"Rational" hat eine starke Nebenbedeutung von etwas präzise Berechnetem, etwas, was völlig logisch und mechanisch ist. Aus diesem Grund wurden besonders die Naturwissenschaften von rationalem Denken gefördert. Seit dem Zeitalter des Rationalismus haben die Naturwissenschaften einen überwältigenden Fortschritt erreicht, indem sie rationales Denken anwandten und betonten. Tatsächlich wurden der Rationalismus und der technologische Fortschritt, der auf Rationalität beruhte, die herausragenden Merkmale der westlichen Zivilisation. Im Vergleich zum Fortschritt der Naturwissenschaften hinkten die Humanwissenschaften hinterher.




Wissenschaft und Kunst
In einem weiteren Sinn hat "Rationalität" auch die Nebenbedeutung von gesundem Menschenverstand, der über blosse Logik oder Berechnung hinausgehend auch Gefühlskomponenten umfasst. In Verbindung mit wissenschaftlicher Forschung beschränkt sich rationales Denken jedoch strikt auf Tatsachen und ihre Zusammenhänge.

Das Grundmotiv eines Wissenschaftlers ist Neugier (3). Er bemüht sich um Verständnis für natürliche Erscheinungen und ihr inneres Funktionieren. Er sammelt Wissen über die objektive Welt und drückt sie in Form von Naturgesetzen aus. Wissenschaft ist ein historischer Prozess. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse beruhen auf Wissen, das bereits in der Vergangenheit gefunden wurde und sich als gültig erwiesen hat. Durch Anwendung seiner Untersuchungsmethoden - exakte Messungen, Analyse, Regeln für Schlussfolgerung, Logik, Hypothesen, Theorien - kultiviert der Wissenschaftler rationales Denken mit dem Ziel Wissen zu erlangen. Im Blick hat er dabei die äussere, objektive Welt. In den Humanwissenschaften sind die Untersuchungsgegenstände subjektive Bedingungen des Menschen, nicht eines Individuums, sondern von Bedingungen, die für alle Menschen gelten. Indem der Humanwissenschaftler das Subjektive objektiviert, konzentriert auch er sich auf die äussere Welt. Durch Wissen, das von jedermann bestätigt werden kann, könnten wir sagen, dass die Wissenschaft eine Sammlung kollektiven Wissens anlegt.

Die Tugenden des Wissenschaftlers sind Präzision, Disziplin und kritische Überprüfung. Der Fortschritt der Wissenschaften besteht im Erwerb zunehmend differenzierten und komplexen Wissens über den Makrokosmos wie über den Mikrokosmos. Auf der anderen Seite fordern neue wissenschaftliche Erkenntnisse neue Fragen heraus und eröffnen neue Bereiche des Unwissens. Die andere Seite von Wissen ist Unwissenheit. Ohne Wissen kann der nicht gewusste Bereich nicht bestimmt werden. Wissen ist die Voraussetzung für die Erkenntnis des Ungewussten, oder wie Sokrates meinte, "Ich weiss, dass ich nichts weiss". Der Wissenschaftler kämpft - vielleicht unbewusst - mit seiner subjektiven Befindlichkeit. Klares Verständnis erfordert ein diszipliniertes, rationales Vorgehen. Daher erfordert das Kultivieren des Rationalität auch eine kühle, distanzierte Haltung gegenüber dem Gegenstand der Untersuchung.

Im Unterschied zum Wissenschaftler ist die Grundmotivation des Künstlers Sehnsucht nach Einheit mit dem Universum. Er möchte sich in der Wirklichkeit beheimatet fühlen. Daher kann seine Annäherung an die äussere Welt nicht distanziert sein. Von dem französischen Maler Henri Matisse wird berichtet, dass er den Gegenstand seines Interesses, den er malen wollte, wochen-, sogar monatelang betrachtete, bis ihn sein Gegenstand schliesslich bewegte, drängte oder sogar bedrohte, ihn zu malen. Aber auch wenn sich der Künstler mit der Aussenwelt beschäftigt, ist sein Thema nicht die objektive Welt, sondern seine subjektive Reaktion auf die Welt. Seine Sicht der Wirklichkeit hängt von Ahnungen ab, von Intuition, Phantasie und seiner eigenen subjektiven Erfahrung. Er bringt seine Vorstellungen in Skulpturen, Malerei, Musik, Dichtung, im Tanz oder im Drama zum Ausdruck. Der Künstler kämpft mit den objektiven Umständen, um einen authentischen Ausdruck für seine subjektive Erfahrung zu finden. Im Gegensatz zum Wissenschaftler, der die Welt verstehen und erklären möchte, möchte der Künstler zeigen, wie er sie - subjektiv - wahrnimmt oder wie Paul Klee sagte: "Kunst bildet nicht das Sichtbare ab, sie macht sichtbar." Indem er ausdrückt, was er erlebt, stellt er seine subjektive Vertrautheit mit der objektiven Welt dar und seine Versuche, neue Wahrnehmungsformen zu finden.

Der Wissenschaftler kann die grundlegende Dualität zwischen Wissendem und Wissen, zwischen Subjekt und Objekt nicht überwinden, er konzentriert sich daher auf das Objekt und auf das Kultivieren von Objektivität, mit der Tendenz, die eigene subjektive Befindlichkeit zu vernachlässigen. Die westliche Betonung von Objektivität nährt die Illusion, dass es Wissen ohne ein Subjekt gäbe, dass es für sich selbst existiere. Der Künstler jedoch, der der Welt begegnet, erfährt sich selbst. Er ist wie ein Tänzer, der vom Rhythmus und der Melodie von Musik bewegt wird. Der Ausdruck seiner subjektiven Erfahrung ist direkt, subjektiv und ohne Vermittlung. Um seine subjektiven Erfahrungen auszudrücken, muss er ausserordentliches Geschick in der Handhabung seiner Mittel erwerben, seien es sein Körper im Tanz, seine Stimme beim Singen, die Worte in der Dichtung, seine Hände beim Spielen eines Instruments, Meissel und Hammer beim Bildhauern usw. Solche Geschicklichkeiten erfordern lebenslange Übung. Der berühmte Schöpfer von farbigen, japanischen Holzschnittdrucken (Ukiyo-e), Katsushika Hokusai, war achtzig Jahre alt, als er meinte, er habe endlich das Geheimnis des Holzschnittdrucks gefunden und könne nun schliesslich damit beginnen, wirkliche Bilder herzustellen.

Auch wenn der Künstler traditionelle Techniken in seiner Arbeit anwendet, kümmert er sich nicht um die Vergangenheit oder um vergangene Errungenschaften, sondern nur um seine subjektive Befindlichkeit Hier und Jetzt. Er häuft nicht Wissen über Wissen auf, sondern kämpft um den Schlüssel für sein Zuhause in einer fremden und sich stets verändernden Welt. Am Ende strebt er schliesslich das Gefühl an, im unendlichen Universum zuhause zu sein und dies ist auch die Voraussetzung für Frieden.

Joseph Beuys, der bekannte deutsche Bildhauer, behauptete: "Jeder Mensch ist ein Künstler!" Ein Aspekt dieser Aussage ist, die Künste aus ihrem Elfenbeinturm zu holen. Kunst sollte nicht als etwas Elitäres betrachtet werden, denn jeder Mensch möchte sich in der Welt zuhause fühlen und jeder bemüht sich auf dieselbe Weise darum wie ein Künstler. Jeder Mensch stützt sich auf persönliche Erfahrungen, Ahnungen, Intuitionen, Vorstellungskraft, Phantasie usw., um mit der Welt vertrauter zu werden und neue Gebiete zu erkunden. Und natürlich könnte dieser Slogan durch "Jeder Mensch ist ein Wissenschaftler" ergänzt werden, denn jeder wird mehr oder weniger von Neugier getrieben und möchte es ganz genau "wissen". Zu diesem Zweck benutzt jeder rationales Denken in mehr oder weniger verfeinerter Form.

Beide Wege, der Weg des Wissenschaftlers ebenso wie der Weg des Künstlers, tragen zu einer ganzheitlichen Sicht der Welt bei. Die Errungenschaften eines Wissenschaftlers beruhen auf seiner subjektiven Befindlichkeit und vielleicht ist es kein Zufall, dass die herausragendsten Wissenschaftler unserer Zeit eine starke Beziehung zur Kunst hatten. Albert Einstein war sein ganzes Leben lang ein hingebungsvoller Violinspieler und von Werner Heisenberg wird gesagt, dass er ein hervorragender Pianist war. Der deutsche Herausgeber eines Kunstmagazins war davon überzeugt, dass es eine Beziehung gibt zwischen Tendenzen in der Kunst und zeitgenössischen Wissenschaftstheorien und er bat Einstein um einen Beitrag zu diesem Thema. Einstein gab dieses kurze aphoristische Darstellung:

Das Gemeinsame am künstlerischen und wissenschaftlichen Erleben

Wo die Welt aufhört, Schauplatz des persönlichen Hoffens, Wünschens und Wollens zu sein, wo wir uns ihr als freie Geschöpfe bewundernd, fragend, schauend gegenüberstellen, da treten wir ins Reich der Kunst und Wissenschaft ein. Wird das Geschaute und Erlebte in der Sprache der Logik nachgebildet, so treiben wir Wissenschaft, wird es durch Formen vermittelt, deren Zusammenhänge dem bewussten Denken unzugänglich, doch intuitiv als sinnvoll erkannt sind, so treiben wir Kunst. Beiden gemeinsam ist die liebende Hingabe an das Überpersönliche, Willensferne. (4)




Stereotypen
1943 in Deutschland geboren wuchs ich zwischen Ruinen auf. Als Kinder nahmen wir unsere Umgebung als selbstverständlich an, wir kannten nichts anderes, womit wir sie hätten vergleichen können. Die Ruinen waren für uns Abenteuerspielplätze und wenn ich heute im Fernsehen Bilder sehe von Kindern ohne Arme oder Beine - z.B. in Afghanistan -, weil sie während des Spielens auf eine Landmine getreten sind, erinnern sie mich an Kinder aus meiner Kindheit von denen ich gelegentlich hörte und die irgendein "Spielzeug" fanden, das plötzlich explodierte. Es dauerte eine geraume Zeit, bis ich erfuhr, was vor meiner Geburt geschehen war und von den Konzentrationslagern hörte ich zum ersten Mal Anfang der sechziger Jahre. Ich erinnere mich noch gut an die erste Begegnung mit dem Horror der Vergangenheit in dem Kurzfilm des französischen Filmemachers Alain Resnais "Bei Nacht und Nebel" (Nuit et brouillard) über das Konzentrationslager Dachau. Der Film zeigte aktuelle Bilder des stillen und verlassenen Ortes in Farbe mit grünen Wiesen und Reihen zerfallender Baracken und im Kontrast dazu Bilder in Schwarzweiss, die etwa 25 Jahre früher aufgenommen worden waren: grosse Haufen skelettartiger Leichen, die mit Bulldozern achtlos in riesige Gräber geschoben wurden; riesige Haufen menschlicher Haare, Goldfüllungen von Gebissen, Kleidung, Schuhe die sorgfältig aufgeschichtet waren und über die in langen Listen peinlich genau Buch geführt wurde. Und ich erinnere mich auch noch an die Gefühle, mit denen ich aus dem Kino stolperte: völlig verstört, entsetzt. Der Film war ein Alptraum.

Der Eindruck des Films provozierte Fragen, auf die ich keine Antwort finden konnte. Wie war es möglich? In welcher subjektiv geistigen Verfassung muss ein Mensch sein, um solche Grausamkeiten begehen zu können? Normale Menschen würden vielleicht durchdrehen, wenn sie sich in einer verzweifelten Lage befinden. Dann könnte es geschehen, dass sie blindlings um sich schlagen ohne Sinn für Angemessenheit - und anschliessend würde es ihnen leid tun, was sie getan hatten oder würden sich dafür schämen. Solche Dinge geschehen häufig im Krieg. Aber das war nicht der Fall in den Konzentrationslagern. Diese waren nicht Teil des Krieges, tatsächlich fungierte der Krieg eher als eine Art Schutzschild. Während die gewöhnlichen Bürger versuchten, in den Wirrnissen des Krieges ein so normales Leben wie möglich aufrecht zu erhalten, waren die Grausamkeiten hinter den Mauern vor einer neugierigen Öffentlichkeit geschützt. Mit der Rechtfertigung "wissenschaftlicher" Forschungsergebnisse über die Überlegenheit und Minderwertigkeit von Rassen war dies ein kalt geplanter und rationell organisierter Völkermord, ein Massenmord von industriellen Dimensionen. Es gibt Berichte über Lagerkommandanten, die imstande waren innerhalb der Lager die unvorstellbarsten Grausamkeiten zu begehen, aber von ihren Familienangehörigen ausserhalb des Lagers als zärtliche und liebende Ehemänner und Väter geschildert wurden. Der in meinen Augen erschreckendste Punkt in dieser geistigen Verfassung ist eine Art schizoider Zustand - ein Teil der Persönlichkeit scheint keinerlei Verbindung zum anderen Teil zu haben, was an die Geschichte von Dr. Jeckyll und Hr. Hyde erinnert.

Welche Erklärung auch immer für solche Phänomene gefunden werden können, wie immer rational sie auch sein mag, am Ende bleibt ein Gefühl von Unzufriedenheit zurück, ein Gefühl, dass an der Erklärung etwas fehlt. Es ist schwer, sich in eine solche Befindlichkeit "hineinzudenken". Und doch meine ich, dass C. G. Jungs Lehre von den Archetypen einen Ansatz für ein besseres Verständnis bietet. Gemäss Jung sind Archetypen tief im Bewusstsein sitzende Bilder, die grundlegende Vorstellungen menschlicher Einstellungen und Verhaltensweisen darstellen. Diese Archetypen werden gewöhnlich in der Mythologie einer bestimmten Kultur weitergegeben und ändern sich im Laufe einer sehr langen Zeit kaum. Sie sind Teil des kollektiven Bewusstseins. Obwohl die Archetypen verschiedener Kulturen beträchtliche Unterschiede aufweisen, überlappen sie oft auch mehr oder weniger. Ein Charakteristikum der Archetypen ist, dass sie zwei Seiten haben, eine positive und eine negative. Ein Beispiel für solch einen Archetyp ist der "König", oder allgemeiner ausgedrückt, der "Herrscher". Es ist ein Symbol für die "Macht", die die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens bestimmt. So bestätigt der König jene, die sich in Übereinstimmung mit den Regeln befinden und er bestraft jene, die den Regeln zuwider handeln. Beide, Unterstützung und Zurückweisung, haben für sich gesehen keine Bedeutung, sondern hängen von der gegebenen Situation ab mit Hinblick auf das letzte Ziel, ein geordnetes, ausgeglichenes und harmonisches Leben in der Gemeinschaft aufrecht zu erhalten. Der Archetyp des "Königs" als Vorstellung im kollektiven Bewusstsein ist auch ein Symbol für das Ich oder das bewusste Selbst eines Individuums.

Wenn der "König" eine schwache Persönlichkeit hat und unfähig ist ein ausgewogenes Urteil zu fällen, neigt er eventuell dazu, sich an die eine oder andere Seite zu klammern. Der Archetyp wird dann zum Stereotyp. Ein Stereotyp des Königs könnte Angst davor haben, harte Entscheidungen zu treffen und verhält sich als Schwächling, der keine Kontrolle über Situationen ausüben kann; ein anderer Stereotyp hat vielleicht Angst, die Kontrolle zu verlieren, unterdrückt jegliche Opposition und wird zum Diktator oder Tyrannen. Das Ideal des Archetypen ist es, im Fluss des Lebens das Gleichgewicht zu bewahren, indem er angemessene und gerechte Urteile fällt, die in jeder Situation von neuem herausgefordert werden. Der Stereotyp kultiviert nur eine Seite und vernachlässigt die andere Seite oder unterdrückt sie sogar. Die andere Seite ist dann in den Schatten gefallen.

An diesem Punkt mag die Behauptung seltsam klingen, dass die westliche Zivilisation insgesamt stereotypisch ist als sie die Rationalität fast ausschliesslich als überlegenes Prinzip betont. Im westlichen Verständnis erscheint Rationalität synomym mit einem gesunden Geist, während Irrationalität vor allem als geistige Krankheit oder Verwirrtheit betrachtet wird, die geheilt werden muss. Folglich betont die westliche Zivilisation das wissenschaftliche Vorgehen, während das künstlerische eine untergeordnete Rolle spielt. Die Wissenschaft beruht auf kultivierter Rationalität und die Künste beruhen auf kultivierter Irrationalität. Es ist wesentlich, die Betonung auf "Kultivieren" zu legen, denn nicht kultivierte Irrationalität bleibt unzivilisiert, atavistisch, barbarisch. Die Kombination kultivierter Rationalität mit nicht kultivierter Irrationalität führt zu einem Ungleichgewicht des Ganzen und dieses wird erkennbar in den übertrieben entwickelten Naturwissenschaften für militärische Zwecke. In meiner Interpretation ist der Holocaust des Dritten Reiches in Deutschland ein extremes Beispiel für die äusserst "effiziente" Anwendung rationaler Mittel für einen barbarischen Zweck (5). Das Beispiel zeigt auch, wie die Rationalität die zerstörerische Wirkung sogar noch erhöht. Der Computer-Experte Joseph Weizenbaum hat sich umfassend mit den fehlerhaften Auswirkungen dessen auseinander gesetzt, was er als "instrumentelle Vernunft" bezeichnet (6). Militärische Technologie ist noch ein weiteres Beispiel, die Gefahr läuft, als Lösung für wachsende soziale Spannungen in der Welt von heute missverstanden zu werden. Auch der Nobelpreis kann als Symptom für die westliche Einseitigkeit verstanden werden, da er an Wissenschaftler verliehen wird und darunter vorwiegend an Naturwissenschaftler; die einzigen Ausnahmen sind die Preise für Literatur und Frieden. Jedes Jahr ist die Verkündung der Nobelpreis-Gewinner ein grosses Thema in den Massenmedien. Aber wer weiss im Westen, dass es auch einen Preis gibt, der alljährlich für herausragende Leistungen von Künstlern verliehen wird? Der Preis heisst Premium Imeriale und wird jedes Jahr vom japanischen Tenno an internationale Künstler verliehen. Der Preis wurde absichtlich als Gegengewicht zum westlichen Nobelpreis geschaffen.

Ein wachsender Trend der Anti-Rationalität mag ein Anzeichen für die intuitive Erkenntnis sein, dass Rationalität zu destruktiven Zwecken eingesetzt werden kann und häufig wird sie auch dafür missbraucht. Aber der blosse Begriff Anti-Rationalität bietet keine alternative Perspektive. Er impliziert lediglich ein Umkehren der Verhältnisse durch Bekämpfen und Unterdrücken der Rationalität. Das Ergebnis - übermässig betonte Irrationalität - würde sich von übermässig betonter Rationalität unterscheiden, aber zu keinem besseren Resultat führen. Die Lösung läge darin, das Gleichgewicht zwischen Gegensätzen zu finden - zwischen Rationalität und Irrationalität, zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Wissenschaft und Kunst - die intellektuell unterschieden, aber in Wirklichkeit nicht voneinander getrennt werden können. In der Wirklichkeit beziehen sich Gegensätze aufeinander wie die zwei Seiten einer Münze, sie können nicht voneinander getrennt werden und beide sind gleichermassen bedeutsam und wertvoll.




Der Osten und der Westen
Die Ausbreitung des Alphabetentums durch den Buchdruck betonte eine bestimmte Art des Denkens, nämlich bruchstückhaftes, kausales, mechanistisches, logisches - kurz: rationales - Denken. Das Zeitalter des Rationalismus war eine Folge des Buchdrucks. Aber es dauerte ungefähr 200 Jahre von 1450 ~ 1650, um die neue Ordnung zu errichten, die mit dem alphabetischen Weg übereinstimmte. Nichts derartiges geschah in östlichen Kulturen; es gab kein Zeitalter des Rationalismus im Osten. Und während sich das Alphabetentum im Westen 300 Jahre lang verfestigte, glaubte er immer stärker daran, dass dies der einzige Weg sei, um effizient mit der Wirklichkeit umzugehen.

Um sich des kulturellen Vorurteils des Westens bewusst zu werden, könnte es hilfreich sein, Kulturen zu studieren, die völlig anders sind. Die hervorstechendsten Unterschiede liegen zwischen östlichen und westlichen Kulturen. Die Balinesen sagen: "Wir haben keine Kunst. Wir machen alles so gut, wie wir können." Und wenn man Bilder von Reisfeldern in Bali sieht, kann man sich dem Zauber und der Schönheit dieser Reisfelder kaum entziehen, wie sie sich harmonisch in die umgebende Natur einfügen. Das menschliche Werk zeigt eine perfekte Harmonie mit der Natur. Aber es war nicht so beabsichtigt, es fügte sich von selbst so. Wenn man etwas "so gut macht wie man kann", kann es leicht zu einer Kunst werden, ein Ausdruck dafür, dass man sich in der Natur beheimatet fühlt und in einem noch weiteren Sinne mit der Realität, dem Universum als Ganzem. Das japanische Wort für "Natur" lautet shizen, dessen wörtliche Bedeutung "von selbst" oder "einfach so" ist.

Japan ist ein ausserordentliches Beispiel für eine Kultur des Ostens, die es aus eigenem Antrieb wagte, sich mit der westlichen Zivilisation auseinander zu setzen. Aber die Japaner haben auch eine lange Tradition bei der Übernahme fremder Kultur, und indem sie die importierten Gegenstände und Gebräuche auf ihre eigene Art verfeinern, entsteht etwas echt Japanisches daraus. Als dieses überwiegend von der Landwirtschaft lebende Land im Jahre 1868 seine Grenzen öffnete, stellte es sich der Begegnung mit westlicher Zivilisation mit dem Slogan "Wakon - Yôsai" oder "Japanischer Geist und westliches Talent". Die erste Phase während der Meiji-Ära (1868-1912) war eine totale Hinwendung auf alles, was westlich war. Die Japaner nahmen gewaltige Mühen auf sich, um ihre Gesellschaft vollständig umzukrempeln. Vielleicht lag es an dieser exzessiven Zuwendung zum Westen, dass daraufhin ein Rückfall und eine Rückerinnerung in der ultranationalen Phase der 30er Jahre einsetzte. Obwohl diese Phase durch die Niederlage im 2. Weltkrieg beendet wurde und zu einer Fortsetzung der Verwestlichung führte, gibt es immer noch Überbleibsel eines echten japanischen Geistes, der sich in einer hartnäckigen Verweigerung zu äussern scheint, die Rationalität in derselben Weise zu betonen, wie es der Westen tut. Der amerikanische Japanologe Boye Lafayette De Mente, der fast ein halbes Jahrhundert in Japan lebte, beobachtete es so:

Auch heute noch ist eines der schlimmsten Dinge, das Leuten in den meisten japanischen Organisationen widerfahren kann, soweit es die Zusammenarbeit mit anderen oder das Weiterkommen auf der Karriereleiter betrifft, daß sie sich einen Ruf als rikuppoi einhandeln.

Rikutsu bedeutet Logik oder Verstand. Wenn der Verstärker -poi angehängt wird, bedeutet es, daß die Person als übertrieben logisch beschrieben wird - daß sie den emotionalen oder menschlichen Faktoren keine oder nicht genügend Beachtung schenkt.

Auch wenn das Herunterspielen der Bedeutung und Rolle des logischen Denkens ein tief eingewurzelter, kultureller Charakterzug der Japaner ist, bedeutet das nicht, daß sie den logischen Verstand in ihrer Arbeit, ihren Planungen und Nachforschungen nicht einsetzen würden. Ganz sicher tun sie das, aber nur in Verbindung mit einer Reihe anderer Elemente. Die japanische Seite unternimmt gewöhnlich in Wirklichkeit mehr Nachforschungen und geht weit systematischer (logischer) vor als westliche Partner bei der Vorbereitung von Verhandlungen und neuer Beziehungen. Der große Unterschied zwischen der japanischen und westlichen Vorgehensweise liegt sowohl im Umfang und der Qualität ihrer Vorbereitung als auch in der Art, wie sie sie sehen und gebrauchen.

Der Ausdruck flauschige Logik (fuzzy logic), wurde erfunden, um eine Computerfunktion zu bezeichnen, die mit irrationalen, nicht programmierbaren Informationseinheiten umgehen kann, und es ist eine ziemlich zutreffende Beschreibung für die Art des Denkens, die die Japaner in allen Dingen und zu jeder Zeit bevorzugen. (7)

Die japanische Kultur ist tief in asiatischen Traditionen verwurzelt, die nicht die westliche Überempfindlichkeit gegenüber "irrationalen" Gefühlen, Ahnungen, Intuitionen oder einen Sinn für die Komik des Absurden teilen. Tatsächlich haben östliche Kulturen niemals aufgehört, auch die irrationale Komponente ursprünglich non-verbaler Gedankenvorgänge in den Künsten zu verfeinern. In den letzten Jahrzehnten scheint sich die kultivierte Irrationalität in Japan verringert zu haben, ein Umstand, den der japanische Filmregisseur Seijun Suzuki beklagt:

Der Rationalismus hat sich seitdem [Meiji-Ära 1868-1912] immer weiter ausgebreitet. Ich habe eigentlich nicht den Eindruck, dass es heute noch irgendwelche Irrationalität gibt. Das finde ich nicht gut. Das Problem ist, dass es keine Balance zwischen Rationalität und Irrationalität gibt, und das führt zum Wahnsinn. Darum meine ich, dass das Irrationale, das immer existierte, mehr in Filmen zur Geltung gebracht werden sollte. Im Märchen beispielsweise gibt es einen Tiger, der auf der Lauer liegt und nach etwas Essbarem Ausschau hält. Ein Bote kommt vorbei. Der Tiger frisst ihn, doch der Bote entsteigt seinem Hinterteil wieder und entschwindet in der Ferne. Der Tiger seufzt: "Ich hätte einen Lendenschurz anziehen sollen." Ich glaube, dass Japaner von Natur aus irrational sind, doch ist dies in jüngster Zeit verlorengegangen. Nichts mehr ist vollkommen lächerlich... (8)

Der Politologe Masao Maruyama beschreibt ein Unbehagen im modernen Japan, das in einer unaufgelösten Spaltung liegt zwischen den beiden Arten, die Wirklichkeit wahrzunehmen:

Zwar sind Wissenschaft und Kunst auch im Alltagsverständnis benachbarte Bereiche, aber in Japan betrachten sich die beiden "Menschensorten" des Wissenschaftlers und des Künstlers, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht nur nicht als Nachbarn, sondern beinahe als Bewohner verschiedener Planeten.... Denn die Begriffe der Human- und Sozialwissenschaften - von den Naturwissenschaften ganz zu schweigen - sind in überwältigendem Mass übersetzte Wörter und nach 1868 geprägt. Entsprechend gewaltig ist der Abstand zur Alltagssprache... Es ist für einen Westeuropäer beinahe unvorstellbar, welche grossen Schwierigkeiten aufgrund solchen unterschiedlichen terminologischen Hintergrundes etwa entstehen, wenn zwischen einem japanischen Literaten und einem japanischen Forscher eine intellektuelle Unterhaltung geführt wird. Wie selbstverständlich der von einem Wissenschaftler entsprechend den "Regeln" der Wissenschaft geübte Wortgebrauch unter Wissenschaftlern sein mag - dem Literaten stellt er sich als bisweilen roher und hässlicher Ausdruck dar. (9)

Ein japanischer Akademiker, der an einer deutschen Universität als Gastprofessor wirkte, gibt eine Erklärung, die den grundlegenden Unterschied in der Konditionierung des westlichen und östlichen Geistes aufzeigt:

Wir Japaner können uns hier nicht verständlich machen. Im Westen glaubt man, weil wir das logische, begriffliche Denken nicht im täglichen Gebrauch anwenden, seien wir nicht fähig, mit Logik und Begriffen umzugehen. Wir müssen beweisen, dass Logik und Begriffe nur Teil der Denkkraft beanspruchen, dass Denkkraft als solche nicht eingegrenzt ist durch Logik und Begriffe.

Denkkraft kann nicht durch Denken begrenzt werden. Nötig ist doch nur, die Denkkraft in uns frei zu geben, so wie man auch jede andere Kraft freigeben kann.

Wir Japaner müssen die Spielregeln des logischen, westlichen Denkens dazulernen, um so mit diesen Begriffen umzugehen, wie es der Westen tut. Unser Vorteil ist, dass unsere Gehirne weniger eingeengt sind. Logik, begriffliches Denken hält das Denken und die Gedanken fest, das Gehirn kann nicht weiterschwingen im Denken. In unserer Ausbildung lernen wir, dass es nichts gibt, was man endgültig festhalten kann. (10)

Ukiyo - die fliessende, vergängliche Welt ist eine Vorstellung, die in der japanischen Kultur tief verwurzelt ist und bis in die früheste Zeit ihrer Geschichte zurückverfolgt werden kann. Sie erscheint wie eine Art Leitmotiv, die sich durch die Kunst und Literatur aller Epochen hindurchzieht. Das Konzept von ukiyo steht im Gegensatz zur westlichen Ambition, eine absolute, statische Wahrheit zu finden, indem versucht wird, die Dinge für alle Zeit festzulegen. Die westliche Haltung strebt danach, falsche Annahmen durch Entscheidung von ENTWEDER-ODER-Fragen auszuschliessen. Doch in einer fliessenden, vergänglichen Welt und einer dynamischen Wirklichkeit erscheint dies inopportun, denn etwas kann zu einer bestimmten Zeit unter bestimmten Umständen wahr sein aber falsch zu einer anderen Zeit und in anderen Umständen. Die Dinge müssen daher in ihrem besonderen zeitlichen und räumlichen Kontext beurteilt werden und können nicht "ein für allemal" entschieden werden, denn in unterschiedlichen Zusammenhängen kann SOWOHL eine Sache ALS AUCH ihr Gegenteil richtig sein.




Jôri - ein System von Gegensätzen
Obwohl der Haupteinfluss westlicher Zivilisation erst 1868 mit der Öffnung Japans für den Westen begann, war das Land nicht unvorbereitet. Schon über hundert Jahre vor diesem Ereignis hatten japanische Intellektuelle Kenntnisse von westlicher Wissenschaft und studierten sie eifrig, auch wenn dies unter der strengen Kontrolle der Shogunat-Regierung geschah und ziemlich begrenzt war. Aber dieses Umstand mag auch einen Hinweis liefern für die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der die Übernahme westlicher Errungenschaften nach 1868 geschah. Zum Beispiel war da Sugita Genpaku, der die menschliche Anatomie anhand eines holländischen Buches darüber studierte, Aoki Konyô, der die Süsskartoffel als Zusatznahrung bei häufig auftretenden Hungersnöten propagierte oder Asada Goryû, der sich besonders für westliche Astronomie interessierte. Auch der japanische Naturphilosoph Miura Baien (1723-89) hatte Kenntnisse über westliche Wissenschaften, insbesondere durch die Korrespondenz mit seinem Freund Asada Goryû. Baien hatte mit traditioneller chinesischer Gelehrsamkeit begonnen und versuchte, grundlegende westliche Konzepte zu integrieren, aber er kritisierte die westliche Vorgehensweise als einigermassen oberflächlich, da es eines grundlegenden Prinzips ermangelte. In einem seiner Werke, KAGEN ("Die Grundlagen des Preises"), sagt er:

Die Menschen des Westens richten ihren Geist auf praktische Experimente. Deshalb versuchen sie die Wahrheit zu finden, indem sie zum Beispiel in der Anatomie wirkliche Körper sezieren. Auf diese Weise entdecken sie die feinsten Details. Aber es gibt jôri in Himmel-und-Erde und solange sie ihre experimentellen Beobachtungen ohne Verständnis von jôri machen, sind sie noch weit von der Wahrheit entfernt. (11)

Baien nennt das vermisste Prinzip jôri, ein Begriff, den er selbst gebildet hatte. Grob gesagt umfasst dieser Begriff ein Paar sich gegenseitig ausschliessender Gegensätze, die jedoch voneinander abhängen und daher zusammen gehören - ganz wie das alte taoistische Prinzip von yin-und-yang. Oder in seinen eigenen Worten:

Das Objekt hat Natur und die Natur ist mit Objekten ausgestattet. Natur und Objekt sind nahtlos vereint. Daher sind sie ein Ganzes. Die Natur paart sich mit Körpern und Objekte paaren sich mit ki. Natur und Objekt unterscheiden sich, das ist jôri. So stellen sie zwei Seiten dar. Die Natur ist Natur in Verbindung mit einem Objekt, das Objekt ist Objekt in Verbindung mit Natur. Daher: "Eins ist Eins und Eins, und Eins und Eins ist Eins." [NST p. 389] (12)

Dies mag auf den ersten Blick mystisch klingen, ist aber keineswegs so gemeint. Baien spricht von wirklichen Dingen zwischen Himmel und Erde, die jeder beobachten kann. Seinem Schüler Taga Bokkei-kun erklärt er es so:

2. Der wahre Weg zum Verständnis ist jôri. Der Schlüssel zu jôri besteht einfach darin, gewohntes Denken aufzugeben, den richtigen Zeichen zu folgen und Gegensätze als Einheit zu sehen. Die Aufgabe gewohnten Denkens bedeutet die Befreiung von persönlichen Anhänglichkeiten.
[...]

Obwohl die Alten Bezeichnungen für Arterien und Venen hatten, haben sie nicht versucht, sie genauer darzustellen. Statt dessen beschieden sie sich mit dem Vertrauten, hielten sich an ihre Bücher und verpassten so die richtigen Zeichen. Da diese Wörter von heiligen Männern gebildet worden waren, wurden sie als Äusserungen eines Schöpfers verehrt. In anderen Worten, anstatt Himmel-und-Erde als Lehrer anzunehmen, machten die Alten den Fehler, Menschen als ihre Lehrer anzusehen. Wenn Himmel-und-Erde als Lehrer angenommen wird, heisst dies, die Methode des Ausschaus nach Gegensätzen anzuwenden und wenn wir erst einmal die Kunst beherrschen, die Gegensätze zu sehen, werden wir keine Tatsachen annehmen, die nicht wahr sind in Himmel-und-Erde. Wie entfernt auch immer, wie dunkel, tief oder geheimnisvoll, wenn es irgend etwas in Himmel und Erde gibt, dann kann darüber nachgedacht werden. [Deep Words, p. 160] (11)

Als Metapher, um jôri für den Alltagsverstand zu erklären, benutzt er das Beispiel von Brokat:

Nimm zur Veranschaulichung ein Stück Brokat. Die Rückseite besteht aus Schuss- und Kettenfäden, aus roten und grünen Fäden, aber auf der Vorderseite sind Blumen, Gras und wundervolle Vögel zu sehen. Ihr Geist entstand in der Vorstellungskraft einer klugen Frau. Obwohl der Brokat im wesentlichen aus Schuss- und Kettenfäden besteht, ist jeder Kettenfaden vom Schussfaden getrennt, wenn ein Geist an ihnen arbeitet, um Dinge zu gestalten -, jeder Kettenfaden ist vom Schussfaden getrennt, doch jedem Kettenfaden entspricht ein Schussfaden. Ihre Kombination ergibt springende Drachen und tanzende Phönixe. Sie mögen springen und tanzen, aber wenn die Fäden getrennt werden, legt sich Kettenfaden spontan an Kettenfaden und Schussfaden an Schussfaden. Und auf diese Weise hat ein Stück Brokat eine Natur, die mit zwei Körpern ausgestattet ist, die Rückseite und die Vorderseite, eine kluge Weberin fügt Geist hinzu und befestigt Dinge mit Seidenfäden und eine unvergleichliche menschliche Kunst erreicht das Geheimnis der himmlischen Schöpfung.... (12)

Jôri ist als Prinzip zu verstehen, das der Realität zugrundeliegt und es wahrzunehmen, bedeutet, "die Einheit in Gegensätzen zu sehen" (hankan gôitsu). Dies bezieht sich auf die Methode und das Prinzip selbst wird erklärt als "Eins ist Eins und Eins, und Eins und Eins sind Eins" (itsu soku itsu-itsu, itsu-itsu soku itsu). Das letztere beschreibt die Natur wie sie ist und das erstere die Mittel dies zu verstehen: "jôri ist der Himmel, hankan ist der Mensch." Baien erklärt seine Lehre als ziemlich komplexes System von komplementären Gegensätzen in seinem Hauptwerk GENGO ('Deep Words') (11). Er hatte mindestens 23 Jahre an dieser Theorie gearbeitet, sie immer wieder von neuem überarbeitet. Das Endergebnis ist ein einzigartiges Werk, das aus einem äusserst sorgfältig zusammengesetzten Netz von Gegensätzen besteht, die sich verzweigen und aufeinander beziehen, wobei die Form des Werks völlig mit dem Inhalt übereinstimmt (13). Baien betont, dass seine Lehre in der praktischen Erfahrung bestätigt werden soll und nicht einfach eine Glaubenssache ist: "...jene Worte, die mit Himmel und Erde übereinstimmen, sollten auf Himmel und Erde angewandt werden und jene, die nicht damit übereinstimmen, sollten mir zugeschrieben werden. Niemand soll meinen Worten blindlings vertrauen, sondern durch Himmel und Erde bestätigen und nur jene Dinge übernehmen, die Himmel und Erde als richtig anzeigen."

Ich habe den Eindruck, dass Baiens Werk ein wertvoller Beitrag zu den integralen und ganzheitlichen Bemühungen darstellen könnte, die hier und da in der wissenschaflichen Forschung heute als Trend entdeckt werden können. Die westlichen Wissenschaften versuchen endlich die reduktionistische Haltung aufzugeben, natürliche Erscheinungen als getrennt und ohne Beziehung zueinander wahrzunehmen. Das Zeitalter des Rationalismus und Descartes Trennung von Geist und Materie waren ein gewaltiger Ansporn für die materialistische Sicht und die Naturwissenschaften im Westen. Aber die westliche Zivilisation läuft Gefahr in einer Sackgasse stecken zu bleiben, wenn sie auf ihrer Einbahnstrasse bleibt und nicht das Gleichgewicht zwischen Gegensätzen findet, anstatt das zu zerstören, was einer einseitigen "Wahrheit" entgegen zu stehen scheint. Eine der auffallendsten Unverträglichkeiten kann heute in der Weltwirtschaft gesehen werden, in der Spaltung zwischen reichen und armen Nationen, ein Zustand, der vorwiegend durch die westliche, schizoide Zivilisation herbeigeführt wurde.




Aufmerksamkeit
Wenn der Inhalt der gesprochenen Sprache ein unmittelbarer, non-verbaler Denkprozess ist, wo kommen dann diese Denkprozesse her? Wie werden sie in Worte gefasst, die einen Gedanken übermitteln können? Was geschieht mit einem Gedanken, der in Worten ausgedrückt wird? Und um diesen Fragen noch eine drauf zu setzen: wie kommt es, dass wir so wenig über Dinge wissen, die wir täglich tausendfach erfahren?

Im Osten gibt es eine schöne, allegorische Metapher: den Lotus. Tief unten im dunklen Schlamm eines Weihers bricht ein Same auf. Während die Pflanze wächst und wächst, bewegt sie sich in Richtung Licht. Schliesslich erreicht sie die Oberfläche des Wassers, Blätter wachsen und schliesslich bildet sich eine Knospe, die ihre Blätter entfaltet und ihre majestätische Schönheit in der Blüte zeigt. Es ist ein Symbol für Ordnung, die aus dem dunklen, unstrukturierten Durcheinander in der Tiefe hervorkommt. Es ist ein Symbol für das Streben des Lebens Struktur und Schönheit auf der Basis des Chaos zu schaffen. Und es ist ein Symbol für Erleuchtung, einem Zustand des Bewusstseins, in dem die Ordnung und Einheit der ganzen Existenz wahrgenommen werden kann, Uni-versum - die Einheit der Verschiedenheit. Die geschaffene Ordnung, die ermöglicht, die innere Einheit zu erkennen, wird als Schönheit wahrgenommen.

Nach dem traditionellen Glauben des Westens ist das Universum in einer Art Ordnung oder Harmonie strukturiert. Der Astronom Johannes Kepler (1571-1630) hatte etwas in den Planetenbewegungen entdeckt, was er in seinem Werk Harmonices Mundi beschrieb und Leibniz (1646-1716) glaubte, dass die gesamte Existenz auf einer "prästabilisierten Harmonie" beruhe. In unserem Alltagsverständnis wird Ordnung als der Normalzustand der Dinge betrachtet und Unordnung ist etwas, was diesem durch irgendeinen Fehler hinzugefügt wurde und entfernt werden muss. Und wenn wir entsprechend unserem Postulat die Ordnung in der Natur und ihren Gesetzen nicht erkennen, müssen wir uns einfach mehr Mühe geben, um sie - in der Aussenwelt - zu entdecken. Die moderne Grundlagenforschung behauptet jedoch, dass das Chaos der Normalzustand der Dinge sei und Ordnung bricht mehr oder weniger zufällig daraus hervor. An diesem Punkt nähert sich die westliche Sicht dem traditionellen östlichen Verständnis an: Chaos ist der Grund aus dem die Ordnung hervorkommt, so wie der Schlamm in der Tiefe eines Weihers die Grundlage ist und einem Lotussamen die Nahrung liefert, die ihn aufbrechen und heranwachsen lässt. Chaos und Ordnung hängen gegenseitig voneinander ab und wenn eine Seite weggenommen wird, wird das Ganze zerstört.

Der Romanschriftsteller Franz Kafka schrieb einmal in sein Tagebuch:

"Die ungeheure Welt, die ich im Kopfe habe. Aber wie mich befreien und sie befreien, ohne zu zerreissen? Und tausendmal lieber zerreissen, als sie in mir zurückhalten oder begraben." (14)

Kafkas "ungeheure Welt" mögen non-verbale Denkvorgänge gewesen sein, die sich in seinem Kopf abspielten. Und er empfand, dass der Versuch diese "ungeheure Welt" in Worten auszudrücken, sie zerreissen könnte. Aber um sich selbst zu befreien, war er gezwungen die innere Welt irgendwie auszudrücken, selbst wenn sie dabei verzerrt oder zerstört wird. Das ist eine Grunderfahrung, die die meisten Künstler gut kennen: sobald eine ursprüngliche Wahrnehmung in Worten, Zeichnungen, Malerei, Skulpturen oder worin auch immer manifest werden, scheint sie nicht mehr der ursprünglichen Wahrnehmung zu entsprechen. Sie ist dann an eine begrenzte Form gebunden, die gewissermassen als vereinzeltes Ding aus dem Chaos hervorkommt und in Gefahr ist, die Verbindung zu der Quelle, wo sie herkam, zu verlieren.

Der französische Romanschriftsteller Romain Rolland war ein grosser Bewunderer von Sigmund Freud und seiner Arbeit. In einem Brief an Freud berichtete er von einer Erfahrung, die wahrscheinlich durch Studien in der Psychoanalyse ausgelöst wurde und die er vage als "ozeanische Gefühle" beschrieb, eine innere Erfahrung von Freiheit und ein Gefühl des Einsseins mit der unbegrenzten Realität. Freud gab zu, dass er solche Erfahrungen nicht kennen würde und lehnte sie aus seiner wissenschaftlichen Sicht ab. Ein Wissenschaftler soll sich eben auf Phantasien solcher Art nicht einlassen.

In seinem Buch Nada Brahma erzählt Joachim-Ernst Behrendt eine Episode mit einem der originellsten Zen-Meister Japans, Ikkyû Sôjun (1394-1481). Eines Tages kam ein Mann zu ihm und bat ihn, ihm das höchste Prinzip des Buddhismus aufzuschreiben, so dass er sich immer daran erinnern könnte, wenn es nötig sei. Ikkyû nahm seinen Schreibpinsel und schrieb zwei chinesische Schriftzeichen: chûi - Aufmerksamkeit. Der Mann blickte verständnislos auf die beiden Zeichen und fragte: "Ist das alles? Sicher wollt Ihr noch etwas hinzufügen, nicht wahr?" Und Ikkyû nahm nochmal seinen Schreibpinsel zur Hand und schrieb wieder: chûi - Aufmerksamkeit. Der Mann verstand immer noch nicht und sagte: "Ja nun, Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit... was bedeutet dieses Wort eigentlich?" Und Ikkyû nahm geduldig seinen Schreibpinsel zur Hand und schrieb ein drittes Mal: chûi - Aufmerksamkeit. Das war zuviel für den armen Mann und er ging ärgerlich davon. (15)

Vielleicht würde die völlige Bewusstheit sowohl der inneren als auch der äusseren Welt zu der Entdeckung führen, dass es nur eine Welt gibt.






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Anmerkungen:
(1) Der deutsche Romanschriftsteller Hans Henny Jahnn (1896-1957) schrieb diese Sätze unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs und dessen verheerendem Ausgang.

(2) Marshall McLuhan, Understanding Media: The Extensions of Man. New York 1967, Signet book (The New American Library, 3rd printing)
Deutsche Ausgabe: - Die magischen Kanäle. Understanding Media, Düsseldorf 1968, Econ Verlag

(3) In seinem Drama "Faust I" drückte es J. W. Goethe so aus, "...dass ich verstehe, was die Welt / im Innersten zusammenhält..."

(4) Albert Einstein, Briefe. Zürich 1981, Diogenes Verlag. Das Zitat ist vom 27. Jan. 1921 datiert. Nach Hitlers Machtergreifung versuchte der Herausgeber der Zeitschrift, Deutschland zu verlassen. Als er an der Grenze festgehalten wurde, beging er Selbstmord.

(5) Während des Dritten Reichs waren die Künste einer strengen Zensur unterworfen. Besonders die Avantgarde wurde als "entartet" gebrandmarkt.

(6) Joseph Weizenbaum, Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft. Frankfurt/M. 1977, Suhrkamp (paperback 1978)

(7) Boye Lafayette De Mente, NTC's Dictionary of Japan's Cultural Code Words. Lincolnwood (Chicago) 1994, National Textbook Company.

(8) Aus einer Begleitbroschüre für eine Retrospektive des japanischen Filmemachers Seijun Suzuki

(9) Masao Maruyama, Denken in Japan. Frankfurt/M. 1988, Suhrkamp Verlag. Der Titel von einem der drei Essays übernommen, die der Band enthält. Die Titel der anderen sind: 'De aru' koto to 'suru' koto (Sein und Tun, 1961, Iwanami Shoten) und Nihon no chishikijin (Die japanischen Intellektuellen, 1982)

(10) Lies Gröning, Die lautlose Stimme der einen Hand. Zen-Erfahrungen in einem japanischen Kloster. Hamburg 1985, Rowohlt Verlag

(11) Zitiert aus: "DEEP WORDS. Miura Baien's System of Natural Philosophy." Translation and Philosophical Commentary by Rosemary Mercer. Leiden (NL) 1991, E. J. Brill; ISBN 90 04 09351 6

(12) Rosemary Mercer, "Picturing the Universe: Adventures with Miura Baien in the Borderland of Philosophy and Science". Philosophy East and West, Vol. 48, #3, July 1998.

(13) Siehe auch Tatsuya Kitabayashi's Essay zu "GENGO"

(14) Franz Kafka, Tagebücher, 21.06.1913

(15) Joachim-Ernst Behrendt, Nada Brahma. Die Welt ist Klang. Reinbek/Hamburg 1985, rororo-TB



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